Lautes Getöse: Mein Weg zur Literaturübersetzerin

Kaum schlage ich morgens die Augen auf, denke ich, dass ich etwas Aufsehenerregendes, Gigantisches tun möchte, und die Vorstellung, eines Tages wie ein farbenprächtiges Feuerwerk mit lautem Getöse in den Himmel über der Stadt aufzusteigen, ist so etwas wie ein Ideal von mir geworden, ein Grund, weiterzuleben.

– Wei Hui, Shanghai Baby

Kennt ihr dieses Gefühl? Auch in mir hat diese Textstelle einen Nerv getroffen, als ich den Roman kurz nach Beginn meines Studiums gelesen habe. Wie viele andere Anfang 20 hatte ich nur eine vage Vorstellung, was ich später mal machen möchte. Irgendwas mit Sprache, irgendwas mit Texten, irgendwas mit Büchern. Gleichzeitig hat es mich auch schon relativ früh in die Werbung gezogen – Letzteres muss mir wohl in den Genen liegen.

Generation Y, Generation Maybe?

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Schubladen, aber jetzt mach ich sie mal auf: Sie ist schon seltsam, meine Generation. Generation Y. Generation Maybe. Es scheint, als definierten wir uns stark über unsere berufliche Tätigkeit. Wir wollen gefordert werden, nie aufhören zu lernen, uns weiterzuentwickeln, über uns hinauswachsen.

Und doch haben wir keine Lust „9 to 5“ in irgendeinem Büro zu hocken, Zeit und Nerven in einen Job zu stecken, der uns nichts gibt, außer Geld, das uns nicht erfüllt. Es ist uns wichtig, uns selbst zu verwirklichen. Und doch, oder vielleicht trotzdem, fällt es uns schwer, die richtige Entscheidung zu treffen.

In der WELT habe ich dazu vor einiger Zeit einen sehr interessanten Artikel zur Generation Maybe gelesen, den ich für diesen Beitrag wieder ausgegraben habe (ein Hoch auf das Internet!). Er beginnt sehr treffend, wie ich finde:

Wir 20- bis 30-Jährigen sind eine Generation ohne Eigenschaften. Gut ausgebildet, aber ohne Plan, ohne Mut, ohne Biss. Weil alles möglich ist, sind alle heillos überfordert.

Vielleicht ist es auch keine Generationenfrage, sondern eine allgemeine Charaktersache. Zumal ich Perfektionistin bin. Da kann es durchaus vorkommen, dass ich, im Versuch, die perfekte Entscheidung zu treffen, gar keine Entscheidung treffe. /schubladezu

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“

wie der gute Goethe, schrieb. Und so habe ich mich auch lange gefühlt. Hin- und hergerissen zwischen der Werbebranche und Literatur. Zwei Welten, die für mich nicht unterschiedlicher sein konnten. Das eine nach Innen gerichtet, still, präzise, vielschichtig, das andere nach Außen gerichtet, laut, oft viel zu oberflächlich. Und ich mal da, mal dort, aber nirgends ganz zu Hause.

Es heißt nicht umsonst: Die Qual der Wahl

Welcher Job ist der richtige für mich? Die Qual der Wahl

10 Jahre ist die Lektüre des Romans jetzt her. (Auch wenn ich ihm hier in dem Beitrag viel Bedeutung einräume, habe ich ihn übrigens nur ein einziges Mal gelesen. Von dem Hintergrund seiner Veröffentlichung in seinem Entstehungsland China mal ganz abgesehen, halte ich das Buch für bemerkenswert wenig bemerkenswert.) Ich hatte Jobs in der Werbung, im Kulturbereich und auch bei einem Verlag, Erfahrungen, die ich auf keinen Fall missen möchte. Immerhin erhöhen Umwege die Ortskenntnis. Wichtig war aber die Erkenntnis:

Ich muss mich gar nicht für den ultimativ richtigen Job entscheiden. Mein Dilemma war selbst gemacht. Das Problem war eigentlich nie die Entscheidung zwischen Werbung und Literatur, sondern meine Einstellung und: Meine Anstellung. Anfang 2016 habe ich mich selbständig gemacht. Ich bin sowohl als Literaturübersetzerin, als auch als Beraterin für Online Marketing & Digitale Kommunikation tätig und merke: Es lässt sich außerordentlich gut vereinen.

STILLES GETÖSE

Zugegeben, „farbenprächtiges Feuerwerk“ und das „laute Getöse“ gibt es dabei nur im übertragenen Sinn. Genau genommen ist Literaturübersetzen auch eher ein stilles Getöse, aber es knistert und brodelt und zischt.

Es ist großartig stundenlang über meinen Übersetzungen zu brüten, jedes Wort dreimal umzudrehen. Ganz still, ganz konzentriert hat das Ganze etwas Detektivisches. Ich versuche dem Text ein Geheimnis zu entlocken, das nur der Autor kennt. Und jedes Mal freue ich mich diebisch, wenn ich eine kniffelige Stelle gemeistert habe. Und ja, wenn ich die Übersetzung dann tatsächlich gedruckt in meinen Händen halte, dann hat das schon etwas „Aufsehenerregendes“ an sich.

Und dennoch: Ich ziehe meinen Hut vor allen, die ausschließlich Literatur übersetzen. Mir fällt irgendwann die Decke auf den Kopf. Ich muss raus, mich mit anderen austauschen, kreativ sein, verrückte Ideen spinnen, nicht nur unsichtbare Beteiligte in der Entstehung eines Buches sein.

In den Momenten freue ich mich besonders über mein zweites Standbein, ACHTMALFEIN, bei dem ich all das tun kann. Und dabei neue Energie für das Übersetzen tanke. Genauer betrachtet haben Digitale Kommunikation und Literatur einiges gemeinsam: Texte als Werkzeug, um Geschichten zu erzählen, um Bilder im Kopf der Leser bzw. Konsumenten heraufzubeschwören, Emotionen zu wecken. Genau wie Geschichten brauchen auch Unternehmen und Marken Helden, mit denen sich die Menschen identifizieren können. Und was Geschichten betrifft, kann ich mich als Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin als Expertin bezeichnen.

Viele Selbständige unter euch werden jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und mir sagen, ohne Fokus wird es schwer, Erfolg zu haben.

Ich lasse es darauf ankommen.

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